Freundin Corona und Freund Hein

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Als glücklich Vermählte grüßen

Nach meinem traurigen Abschied von Vinaròs im März dieses Frühjahrs, gab es bis heute, Anfang Oktober, noch kein Zurück und Wiedersehn.

In der letzten Woche vor der Abfahrt bleibt mir ein sonntäglicher Besuch Tarragonas in Erinnerung. Dieser Sonntag, der 8.März 2020, war der Dia Internacional de la Mujer, der internationale Frauentag. In der Altstadt von Tarragona feierten Gruppierungen von Frauen in freundlichem Umgang miteinander, mit Begrüßungen, Umarmungen und Küssen. Kinder und Männer waren an diesem Festtag natürlich nicht ausgeschlossen. Das Virus hatte an diesem Sonntag die idealen Voraussetzungen zur ungehemmten Verbreitung in der Bevölkerung gefunden.

Nach zeitlichem Abstand glaube ich, dass dieser Internationale Tag der Frauen für diese katalanische Region zum Superspreader werden sollte. Diesen Begriff kannte ich im Frühjahr natürlich noch nicht. Während ich diese Erinnerungen zu Beginn des folgenden Oktobers aufschreibe, befindet sich der amerikanische Präsident seit einem Tag mitsamt seiner Frau nach einer Corona Infektion während des Wahlkampfs in Quarantäne.

Im Laufe des Vormittags füllen sich die Tische, man sitzt beieinander und genießt das Leben.

Ein herrlicher Sonntag, Sonne und Wärme auf den Straßen, Gassen und Plätzen, das Frühjahr lässt auf eine so liebliche Weise grüßen, dass man nicht glauben möchte, zu was in diesem wunderbaren Umfeld Vorschub geleistet wird. Demonstrantinnen flanieren, Plakate tragend, lächelnd und skandierend durch die Altstadt, ein Flohmarkt lädt zum Stöbern ein. Am späten Vormittag füllen sich die vielen Straßencafés. Wein, Bier, Kaffee, Schinkenplatten, aufgeschnittener Käse, Tapas in himmlischen Varianten, alles wird von fleißigen Bedienungen und Camareros zu den voll besetzten Tischen getragen, kein Stuhl ist frei. Dazwischen singen die Mädchen die neuesten Hits, die Jungs bolzen sich die Fußbälle zu, Hunde liegen unter den Tischen, Frauchen und Herrchen zu Füßen, die Katzen des Viertels distanzieren sich. Ich sitze auf einem Mäuerchen und sehe mich satt. Als einzelner Nordeuropäer mit Kamera werde ich von vielen etwas skeptisch gemustert.

An der Balustrade des Balcón del Mediterranio stehen die Grüppchen zusammen, man unterhält sich gestenreich, diskutiert, scherzt, ist in sonntäglicher Bestlaune. Die Gruppen schlendern die Ramblas entlang, manche biegen ab und ziehen durch die engen Gassen zur Kathedrale, zum Flohmarkt.

Vor der Kathedrale findet das Sammlerherz seine Erfüllung

Auf dem Flohmarkt herrscht ein betriebsames Beisammensein. Kein Alltagsstress und ein Angebot, das für mich natürlich anders ist als auf einem rheinischen Flohmarkt. Auf der Suche nach Fundstücken, Objets Trouvés, wie ich sie in meinen Installationen und Objekten verarbeite, krame ich mich durch die Auslagen, Kisten und Kartons: Die Verkäuferinnen und Verkäufer sind angenehm freundlich, Fragen und Angebote von mir werden auf eine umgängliche und liebe Art und Weise beantwortet.

Steinerne Geschichte, über 800 Jahre alt, zuerst wegen der grassierenden Pest nicht vollendet, fertiggestellt und eingeweiht erst im 14. Jahrhundert. Die Kathedrale steht an der Stelle eines römischen Tempels, von dem noch Reste erhalten sind.
Beseelte Momente

Zwischendurch schaue ich auf die Fassade der Kathedrale und denke an meinen letzten Besuch. Meine Frau und ich saßen in dem alternativen Café links des Portals, ein humpelnder Täuberich hielt sich wegen unserer Hündin Sira in Distanz zu unserem Tisch und erwartete bescheiden ein Zubrot. Aus dem Inneren des Cafés erklang klassische Klaviermusik. Vom Kathedralportal schauten die steinernen Heiligen auf uns herab und trafen uns mit ihren jahrtausendalten Blicken. In diesem Augenblick schwebte ein Engel von der Fassade herab und traf auf das Innerste meines Herzens, so dass ich seitdem an diesen beseelten Augenblick denken muss.

El Profesional, Der Profi, Objets Trouvés vom Flohmarkt

Wie so immer jagen nach dem Auffinden von kuriosen Objekten Ideen durch den Kopf. Im nicht klar erklärbaren Planungs-Prozess verfolgen sich überschlagend Vorstellungen, Phantasien und Umsetzungen, die sich nicht unbedingt irgendwelchen kunsthistorischen Stilen zuordnen lassen. Gaga, Dada und Chaos treiben es wild, wirbeln durch Zeit und Raum und lassen rauschartig ungebremst das nächste Projekt entstehen.

Die Umsetzung ist später relativ einfach und holt den Kunstschaffenden dann auf das gestalterische Niveau des Bastlers oder Heimwerkers zurück. Dieses Stadium hat der Dadaist MarcelDuchamp natürlich umgangen, indem er seine Produkte einfach so beließ im Glanze von Alltags-Urinstein oder ähnlicher Patina, die sogenannten Ready-mades. Das so entstandene Objekt ist in seiner Ausstrahlung nicht unbedingt als traditionelles Kunstwerk zu verstehen. Interpretatorische Begriffe wie Zeitgeist, formale Geschlossenheit oder Impetus sind fehl am Platze. Der große Zufallsgenerator, der in jedem eine Assoziation von Eindrücken, Wirkungen und Verständnisebenen erzeugt, wird im Dadaismus bewusst konterkariert. Die Wirkung kann vom Produzenten, weniger dem traditionellen Künstler, noch durch die Wahl des Titels gesteuert werden. Er kann mit Worten und Begriffen klärend zum Verständnis des Objektes beitragen, kann aber auch die Betrachterin oder den Betrachter in die absolute Wildnis einer kulturellen No-Go-Area schicken.

Nach diesem Abschweifen in die Geheimnisse des kreativen Gestaltens komme ich wieder zum Superspreader Tag der Frau zurück. An diesem 8. März 2020 standen alle, ohne es zu wissen, im Dienste des Virus, eines der menschlichen Logik in diesen Augenblicken nicht erschlossenem Muss.

In dem Café an den Ramblas, in dem ich als Abschluss dieses Sonntags-Ausflugs Station machte, war alles im negativen Sinn wie immer, man schrie, hustete und nießte durch den Raum, nichts war durch Vorkehrungen geschützt, die Tische normal ungeputzt, die Toiletten schmutzig. Da habe ich schon extremes Glück gehabt, dass ich im Unterschied zu anderen Ausflüglern und Aktivistinnen gesund durch diesen wunderschönen Tag gekommen bin.

Nach meinem traurigen Abschied von Vinaròs am folgenden Donnerstag, gab es bis heute, Anfang Oktober, noch kein Zurück und Wiedersehn.

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